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Kurt Kubat

Kurt Kubat

Geboren am 24.09.1925
Gestorben am 24.09.2018
Erstellt von Bernhard Mager, Gabriele Heinze am 03.02.2020

  • Kurt Kubat
  • 24.09.1925
  • in Ostpreußen
  • 24.09.2018
  • fröhlich bin ich aufgewacht...
  • St.Hedwig-Alter Domfriedhof Berlin

                        Ein Pauker als Lehrer?          Ein Lehrer als Idealist?           Gibt es denn so etwas?

Ja, zumindest einen Menschen gab es, der ein wunderbarer Lehrer und nachfolgend Rektor war:  Kurt Kubat  erblickte am 24.9.1925 in einem kleinen Dorf in Ostpreußen das Licht der Welt, besuchte Volksschule und Gymnasium, wurde 1943 zur Wehrmacht eingezogen, verlor 1944 in der Ukraine seinen linken Arm und kam als Kriegsversehrter nach Berlin. Lange nach Kriegsende konnte er erst seine Lehrerausbildung beginnen.

Jung, knapp 26 Jahre alt, sehr gut ausgebildet, hoch motiviert und von Idealvorstellungen zur Bildung und Erziehung der Jugend geprägt, trat er seinen Dienst als Lehrer 1951 in der Thedor-Fontane-Schule in Berlin-Tiergarten (hierzu Fotogalerie Bild 2) an. Allerdings erhielt sie erst 1954 diesen Namen. Zuvor zierte sie der schnöde Begriff "Erste Oberschule Technischen Zweiges", also 10 Schuljahre (Mittlere Reife) zur Unterscheidung von "Oberschule Wissenschaftlichen Zweiges" für 13 Schuljahre (Abitur).

Die Namensgebung wurde in einem Festakt gewürdigt. Kurt Kubat hat die Feier in der Aula mitgestaltet, indem er seine damalige Klasse 9d (Fotogalerie Bild 3) ein Werk des Dichters Theodor Fontane mit verteilten Rollen aufführen ließ. Nach diesem Vorgriff schauen wir auf das Jahr 1951: Kurt Kubats erste Klasse als Lehrer und zugleich Klassenlehrer war die ihm zugewiesene 7d. In der Schule war es die einzige Klasse, die infolge Überzahl von Jungen ohne Mädchen auszukommen hatte. Als Klassenlehrer führte Kurtchen - so nannten ihn seine 7d`er - bis zum erfolgreichen Schulabschluss in der 10d.

Die Fächer Deutsch, Geschichte und Religion unterrichtete er in den vier Jahren. Diese kontinuierliche Vermittlung und gemeinsame Erarbeitung von Wissen hat die Jungs seiner 10d geprägt.

Pauker - s.o. - mag zwar eine nicht gerade nette Bezeichnung für einen Lehrer sein, traf aber auf Kurtchen überhaupt nicht zu. Ja, er war temperamentvoll und konnte als junger Mann auch mal sehr lauten Tones sein Wort erschallen lassen, doch vielmehr kam es ihm darauf an, Verständnis dafür zu wecken, dass Rechtschreibung und Grammatik, "von Herrn Duden", wie er gern sagte, "nicht zum Ärger der Pennäler erfunden wurden. Sie sind das Rückgrat für eure berufliche und soziale Zukunft, seht mich an, könnte ich ohne diese Kenntnisse als Lehrer bei euch sein".

Und er hatte Recht, aus seinen Fontane-10d`ern "ist etwas geworden", wie man so sagt.

Kurtchens Geschichtsunterricht begann in seiner 7d mit den Worten "hunderte Geschichtszahlen, nein, nur etwa ein Dutzend und da müsst ihr die Geschichte in der Geschichte kennen und wissen". Mit diesem Motto war sein Geschichtsunterricht so lebendig und spannend, als wäre alles gerade erst gewesen.

Idealist - Geschichte und ihre Ereignisse können und waren oft auch grausam. Mit seinem Verweis auf die jüngste deutsche Vergangenheit der Kriege 1914-1918 und 1939-1945 nebst der Diktatur bereits ab 1933 bilanzierte Kurtchen, das unendliche menschliche Leid. Er stellte den unvereinbaren Gegensatz einer Diktatur zu der jetzt bestehenden Demokratie heraus und brachte insbesondere im neunten und zehnten Schuljahr seine Jungs dazu, frei, offen zu diskutieren und ihre Meinung ebenso zu vertreten, wie eine andere zu tolerieren, dann aber nicht zu akzeptieren, wenn sie positive Hervorhebungen diktatorischer Systeme beinhalten. Es kann davon ausgegangen werden, dass Kurt Kubat nach seinem Unterricht in der Theodor-Fontane-Schule dann als Rektor in der Hedwig-Dohm-Schule im Unterricht sein Wissen und seine Erfahrung um Ideale als eine der wegweisenden Säulen für die Zukunft auch gelehrt hat.

Religionsunterricht erteilte er als weiteres Fach für vier Jahre. Ein Vorteil für seine Jungs. Eine scharfe Trennung zwischen deutscher Literatur, Geschichte und der Heiligen Schrift bestand für ihn nicht. Und so war es ihm möglich, Anstand und Aufrichtigkeit gepaart mit dem Erklären an Hand von Beispielen aus den drei Fächern den Jungs Ethik, Moral und Empathie zum Verstehen zu bringen.

Während Kurtchens 10d im Jahre 1955 die Fontane-Schule verließ, unterrictete er dort weiter bis ihn 1962 der Ruf erreichte, als Rektor an die Hedwig-Dohm-Oberschule zu Berlin-Tiergarten (Fotogalerie Bild 4) - ebenfalls 10 Schuljahre - zu wechseln, an der er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1990 blieb. Im Lehrerkollegium gab es zunächst jene, die freudig der Zukunft mit einem relativ jungen Rektor entgegensahen, wie auch andere, die etwas kritisch abwartend waren, ob ein junger Mann als Schulleiter stürmisch in vielen Bereichen alles verändert.

Mit seiner freundlichen, gleichwohl zum Teil energischen Art, hat er das gemeinsame Arbeiten im Team gefördert. Bedrückt hat es Kurt Kubat, dass er als Rektor eine ordentliche Portion Schreibtisch- und Verwaltungsarbeit zu bewältigen hatte, die ihm zeitlich seine Unterrichtsstunden minimierte.

1969 konnte die Schule auf ihr fünfzigjähriges Bestehen blicken. Für Geschichtslehrer und Rektor Kurt Kubat war das willkommener Anlass, in Archiven zur Geschichte der Schule zu forschen. In der Festschrift 1994 (75 Jahre) heißt es :"...in der Festschrift zur 50-Jahr-Feier 1969 hat der damalige Schulleiter Kurt Kubat umfangreich die Geschichte der Schule geschildert, die für den heute Berichtenden als Quelle dienen. Dem damals 36jährigen jungen dynamischen Mann ist es, lange bevor die Frauenbewegung sie entdeckte, zu verdanken, dass unsere Namensgeberin (Fotogalerie Bild 5) aus der Vergessenheit gehoben wurde. Im Mittelpunkt all unserer pädagogischen Bemühungen steht der Schüler, die Schülerin als Mensch mit Körper, Geist und Seele".

Vielen ehemaligen Hedwig-Dohm Schülerinnen und Schülern ist heute noch der öfter von Kurt Kubat zu hören gewesene Spruch präsent "fröhlich bin ich aufgewacht, hab gleich an Hedwig Dohm gedacht".   

Das über Kurt Kubats Unterricht in der Fontane-Schule oben Gesagte, trifft gleichermaßen auf die Dohm-Schule zu. Auch nach Kurt Kubats Pensionierung 1990 sind Geist und Aura des Hauses geblieben und gereichen hoffentlich auch den heutigen Schülerinnen und Schülern zur Grundlage für ihr weiteres Leben, so wie jene vor ihnen nach dem Abschluss der zehnten Klasse einen erfolgreichen Start in den nächsten Lebensabschnitt und Beruf hingelegt haben.

Theodor-Fontane- und Hedwig-Dohm-Schule fusionierten 13 Jahre nach Kurt Kubats Pensionierung im Jahre 2003. Der Name Hedwig Dohm wurde beibehalten.

Freund- von der 7d bis zur 10d entwickelte sich zwischen Kurtchen und seinen Jungs ein Vertrauensverhältnis bis hin zu späterer Freundschaft. Kurtchen hat ausschließlich nur an den regelmäßigen Klassentreffen der Fontane-10d teilgenommen. Letztmalig war Kurtchen 2012 dabei (Bild 7); sein Gesundheitszustand war maßgebend. Besuche und Telefongespräche gab es weiterhin. Unvergessen bleibt dem Klassensprecher Horst-Dietrich Scholz und dem Autor Bernhard Mager ein Besuch bei Kurtchen vier Monate vor seinem plötzlichen Unfalltod. Nachdem Bernhard Mager sein drittes Buch über ein geschichtliches Thema Kurtchen überreicht und in der Widmung Dank für den perfekten und interessanten Geschichtsunterricht niedergeschrieben hatte, lud Kurtchen ein, ihm zu einer "Vorlesung für die alten Leute im Heim" zu folgen. Gedichte von Möricke, Heine und Fontane trug er nicht nur vor, vielmehr rezitierte und durchlebte er die Verse mit Inbrunst. Sofort kam die Erinnerung bei den beiden inzwischen auch alten Herren, es war Kurtchens unverändertes Engagement wie in seinen jungen Jahren im Deutschunterricht.

Eine ganz besondere Ehre wurde von Kurtchen seinen 10d`ern erwiesen, als er sie zu seinem 90sten Geburtstag am 24.9.2015 in die Cafeteria des Seniorenheims zu einer Feier in diesem Kreise einlud. Kurtchen (Bild 8) hielt eine sehr persönliche und ergreifende Rede; er ließ sein Leben und zum Teil sein Schicksal Revue passieren. So sprach er u.a. an, dass er seine aus Ostpreußen geflohene Mutter (sein Vater war verstorben), mit der er nun in einer Wohnung in Moabit lebte, während einiger Jahre ihrer Erkrankung im Alter gepflegt hat, obgleich er als einarmiger Kriegsversehrter selbst erheblich behindert war. "Dass der vom Diktator und seinen Nazis vom Zaum gebnrochene Zweite Weltkrieg nicht nur ihm, vielmehr Millionen Menschen schweres Leid zugefügt haben, ist Mahnung an die Zukunft insbesondere der Jugend" sagte er auch.

Aus verschiedenen Gründen, so ließ er anklingen, kam er nicht in den Genuß einer eigenen Familie. Sein intensives Engagement an beiden Schulen betrachte er fast wie eine solche. Ja, da sprach ein guter alter Freund zu seinen Fontane-10d`ern.

Kurt Kubats Beliebtheit und Wertschätzung zeigten viele seiner Schülerinnen und Schüler am 3.12.2018 durch ihre zahlreiche Teilnahme an der Trauerfeier auf St.Hedwig Alter-Domfriedhof in Berlin-Mitte. Vorab Entsetzen bei den 10d`ern: Kurt Kubats Urne sollte in einem Armengrab versenkt werden. Wie kann das sein, dass bei einem langjährigen Rektor mit entsprechender Pension kein Geld für eine würdige Bestattung und Grabstelle vorhanden ist? Ohne diese ominösen, nicht dem Seniorenheim zuzuordnenden Umstände darzulegen, die 10d`er sammelten für eine Trauerfeier in der Friedhofkapelle incl. Pfarrer und die Mädels und Jungs der Dohm-Schule für eine Urnenstelle. Spontan sammelte Gabriele Heinze (Dohm-Schule) bei den Trauergästen für einen Grabstein, Form und Gestaltung übernahm Martina Henning  (Dohm-Schule); sie übernimmt auch die Grabpflege.

Die Beisetzung der Urne nach der Trauerfeier wurde mit Kurt Kubats Lieblingslied aus seiner früheren Heimat Ostpreußen mit einem a capella Ständchen der Trauergäste, dem "Ännchen von Tharau" begelitet.

Für einen Lehrer der Fächer Deutsch, Geschichte und Religion ist eine Grabplatte in Buchform (Bild 9) ein treffender letzter Beweis des Respekts und der Beliebtheit dieses Menschen.

               Abschied haben wir von Dir genommen.         Unvergessen bleibst Du bei uns, lieber Kurt Kubat.

 

Verfasser: Bernhard Mager (10d Theodor-Fontane-Schule 1955), Mitarbeit: Gabriele Heinze (10/4 Hedwig-Dohm-Schule 1976) 

Bildnachweis: Bild 1-3 in Festschrift 50 Jahre Schulentlassung aus Fontane-Schule, Bild 4 in Festschrift 75 Jahre Hedwig-Dohm-Schule, Bild 5 in der Aula der Hedwig-Dohm-Schule, Bild 6-9 Foto B. Mager.                                                             3.2.2020 

 

Ich möchte an den Geburts- und Todestag von Kurt Kubat erinnert werden.