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Silvester Burghauser

Silvester Burghauser

Geboren am 30.11.1014
Gestorben am 01.06.1998
Erstellt von Günther Burghauser am 24.10.2020

  • Silvester Burghauser
  • 30.11.1014
  • Glaslbremse/Präbichl
  • 01.06.1998
  • Waldfried Kumberg

Kurze Familiengeschichte (für meine Enkelkinder Lotte und Paul Cech und alle unsere Familienmitglieder)

 

Die Urgroßeltern und Ururgroßeltern eurer Mutter Lisa Burghauser verh. Cech (väterlicherseits)

 

Euer Urgroßvater ( 30.11.1914-1.6.1998 ) wurde „Vestl“ gerufen, was eine Abkürzung für seinen Vornamen Silvester war. Die “Glaslbremse“ war sein Geburtsort, wo er als eine Hausgeburt fernab jeder medizinischen Versorgung zur Welt gebracht wurde Die Glasbremse war eine Wasserstation für die Dampflokomotiven an der Erzbahn zwischen Vordernberg und dem Präbichl. Das angeschlossene kleine Bahnwärterhäuschen war zu diesem Zeitpunkt schon mit seinem älteren Bruder Karl, seiner Mutter Maria (3.4.1891-13.9.1961)und mit seinem Vater Silvester (16.11.1885-22.11.1964) belegt. Später folgten noch mehr Geschwister : Hermann, Peter, August, genannt Gustl, Liesl, Hanni und Erna... Ob darüber hinaus noch weitere Geschwister existierten, ist ungewiss. Seine Mutter Maria (geborene Neubauer) dürfte aber einen unehelich geborenen Sohn aus einer früheren Beziehung gehabt haben. Es wird erzählt, dass sie als Magd vom Herren eines Bauernhofes geschwängert wurde und dann gezwungen wurde den Hof zu verlassen. Ihr Kind verblieb auf dem Hofe und wurde dort als Hoferbe großgezogen. Der Ort dieses damals durchaus nicht ungewöhnlichen Vorganges soll Treglwang in der Steiermark gewesen sein. Ihr Sohn Gustl brachte sie auf ihren Wunsch 1961 in die Nähe dieses Hofes und sie hat ihren Sohn aus der Ferne beobachten können, wie er über den Hof ging. Wenige Tage später ist sie verstorben. Es wird auch erzählt, dass Maria Burghauser eine recht gebildete Frau gewesen sei. Jedenfalls war sie eine zartbesaitete, gute Mutter und Großmutter. Die Umstände, die sie nach Glaslbremse, einem weltentrückten Ort auf dieser Welt, und in die Arme eures UrUrGroßvaters gebracht haben, bleiben im Dunkeln. Er war zunächst angeblich Holzknecht in den Wäldern von Mayr Melnhof und heuerte später bei der Eisenbahn an, was ihm für den Rest des Lebens das beschwerliche Leben eines „Streckenläufers“ auf dem Präbichl und später als Schrankenwärter in Kärnten einbrachte. Dass auch das Leben eures Urgroßvaters beschwerlich war, hat er selber damals nicht so empfunden, was aus seinen launigen Erzählungen über diese Zeit entnommen werden kann. Der Schulweg zu Fuß nach Vordernberg war lang und im Winter gab es damals buchstäblich noch meterhohen Schnee, sodass einmal sogar von der später bezogenen Wohnung im Personalhaus der Bahn auf dem Präbichl ein Tunnel zum Bahnhof gegraben werden musste. Die Familie zog vermutlich Anfang der 20er Jahre nach Kärnten, wo euer Urgroßvater Silvester die Pflichtschule in Puch von 1921 bis 1928 besuchte. Im Anschluss absolvierte er eine Steinmetzlehre von 1930 bis 1934 in Spittal an der Drau bei der Firma Dom. Merluzzi. Weitere Stationen in seinem Berufsleben vor dem 2.Weltkrieg waren Innsbruck und Kitzbühel, wo er sich, als Arbeitsloser in der Zeit der großen Arbeitslosigkeit seinen Lebensunterhalt damit verdiente, indem er für reiche Touristen, damals meist Engländer, die Skier von Kitzbühel auf den Hahnenkamm getragen hat und das täglich zweimal! Mit dem Ersparten konnte er sich nach einer Wintersaison immerhin ein einziges Paar Schuhe kaufen.

 

Der Urgroßvater Silvester Burghauser im 2.Weltkrieg:

 

Die Einberufung zum Militärdienst erfolgte zu den Gebirgsjägern, vermutlich nach Tirol. Die gesamte Familie Burghauser war dem Hitlerregime gegenüber sehr negativ eingestellt und das nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Euer Ururgroßvater, er trug auch den Vornamen Silvester war in dieser Zeit nahe daran verhaftet zu werden. Es wurde erzählt, dass wohlmeinende Vorgesetzte bei der Bahn durch seine Versetzung in einen anderen Ort ein schlimmes Schicksal wohl verhindert haben.

Jedenfalls hatte auch euer Urgroßvater weder Sympathien für Hitler noch für lange, mühsame Märsche im Gebirge und das Gefühl, den Krieg eh nicht zu überleben. Er hat sich daher bei der ersten Gelegenheit freiwillig zu einer Kurzausbildung als Fallschirmjäger gemeldet und wurde bald danach in Norwegen zu seinem Kriegseinsatz geflogen und Anfang Juni über Narvik, genau genommen bei Riksgränsen nahe der schwedisch-norwegischen Grenze abgesetzt. Dieser Einsatz ist kriegshistorisch recht gut dokumentiert, es gibt am Absprungort auch eine Dokumentationstafel, welche auf dieses Ereignis hinweist. Auf der Halbinsel Ankenes gegenüber Narvik gelangte seine Kompanie wenige Tage später völlig ungeschützt in ein lange andauerndes Feuer von englischer Schiffsartillerie. Diesen Beschuss haben nur er und noch 3 oder 4 andere Kameraden überlebt. Unmittelbar danach wurde er von den Briten gefangen genommen und über England nach Kanada in ein Kriegsgefangenenlager zunächst nach Espanola, später in den Westen in ein Waldlager zum Straßenbau transportiert. Die Zeit der Gefangenschaft blieb ihm in guter Erinnerung, sie wurden sehr gut behandelt, hatten viele „Annehmlichkeiten“ wie Theatergruppen, Orchester und er besaß sogar eine Schreibmaschine. Die von den Bewachern geforderte Arbeitsleistung, das Schlägern von Bäumen, war moderat. Allerdings dauerte die Gefangenschaft doch sehr lange Zeit und er kehrte erst zu Ostern 1946 oder 1947 zurück.

 

 

 

Die Nachkriegszeit eurer Urgroßeltern:

 

Nach dem Krieg zog euer inzwischen pensionierter Ururgroßvater mit seiner Frau nach Höf bei Lassnitzhöhe in ein kleines gemietetes Haus, in dem sie bis 1955 wohnten und zeitweise andere Familienmitglieder aus verschiedensten Gründen beherbergten. Unter anderem auch euren Großvater Günther in der Zeit während seine Eltern ihr Haus in Maria Trost bauten. Der Urgroßvater Silvester nahm wieder den Beruf des Steinmetzes auf, zunächst als Gehilfe beim Bildhauer Gösser, später dann bei der Firma Stiegler am Leonhardfriedhof in Graz. Im Jahre 1949 lernte er seine Frau Elfriede kennen. Großvater Günther kam am 2.Juni 1950 auf die Welt und wird ein Einzelkind bleiben.

Gewohnt wurde zunächst in der Bienengasse Nr.10 in Graz, in einer kleinen Wohnung in einem Haus, welches der Schwester (Deutschl oder Teutschl) des Ururgrovaters, einer Gastwirtin in Lembach an der Riesstraße, gehörte. 1953 kauften die Urgroßeltern ein vollkommen bewaldetes Grundstück in Graz, Rettenbacherstrasse Nr.9, auf dem mit unglaublichen Mühen faktisch ohne jeden Einsatz von Maschinen nur mit menschlicher Muskelkraft und der Mithilfe vieler Familienmitglieder ein kleines Wohnhaus errichtet wurde in dem sie beide bis zu ihrem Tod im Jahre 1998 bzw 2001lebten. Dieses Haus wurde in den 60er Jahren beständig ausgebaut bis es Anfang der 70er Jahre seine endgültige Gestalt hatte. In diesem Haus lebten im ersten Stock eure Ururgroßeltern und bis 1974 auch euer Großvater Günther. Es wurde von eurer Urgroßmutter Elfriede an eure Mutter vererbt. Sie hat dieses Haus im Jahre 2018 verkauft und mit dem Erlös ihren Teil der Kosten für die Wohnung am Jandlweg Nr.3 finanziert.

Bei einem tragischen Arbeitsunfall im Sommer 1958 verlor der Urgroßvater das rechte Bein, es wurde oberhalb des Knies amputiert. Ursache des Unfalls war ein durch eine Baufirma nicht sachgerecht aufgestelltes Baugerüst an der Fassade des Kinogebäudes in Zeltweg. Beim Absturz aus 12m Höhe fiel eine Steinplatte auf seinen Körper, welche die schweren Verletzungen verursachte. Nach diesem Unfall arbeitete er trotz seiner Behinderung als Graveur (Schriftenhauer) weiter. Viele der Inschriften auf Grazer und steirischen Friedhöfen wurden von ihm in den Stein gehauen. Von Frühjahr bis Herbst wurde er dabei von eurer Urgroßmutter Elfriede unterstützt, sie übernahm nach der Gravur das Vergolden oder Einfärben der Inschriften. Euer Großvater hat als Kind aus diesem Grund viel Zeit auf den Friedhöfen verbracht und diese Orte als Abenteuerspielplatz empfunden. Zinksärge und Grabbestandteile von aufgelassenen Gruften und Gräbern waren makabre, aber willkommene Spielzeugutensilien. Diese Tätigkeiten haben die Beiden bis in das hohe Alter ausgeübt, eure Mutter wird sich sicher noch an ihren, vor einem Grabstein sitzenden und meißelnden Großvater erinnern können. Sie wurde von ihren Großeltern abgöttisch geliebt und war der absolute Mittelpunkt in deren Leben seit ihrer Geburt. Sein Lieblingsort war der Keller des Hauses, in welchem er entweder an Grabsteinen arbeitete oder sich mit der Aufbereitung von Brennholz und dem optimierten Betrieb der Heizung mit festen Brennstoffen wie Koks, Kohle und Holz widmete. Der spätere Umstieg auf eine Ölheizung hat ihm einen kleinen Teil seiner Freuden im Keller geraubt. Euer Urgroßvater verstarb am 1.Juni1998 im Keller des Hauses durch Herztod innerhalb weniger Sekunden. Dieses gütige Schicksal des schnellen Todes hat auch dessen Mutter ereilt, sie starb Anfang der 60er Jahre ebenfalls ganz plötzlich und unvorhersehbar in diesem Haus.

Eurer Urgroßmutter Elfrieda war dies nicht vergönnt. Sie hatte schon relativ früh im Leben gesundheitliche Probleme mit dem Herzen bekommen, bekam künstliche Herzklappen, was damals eine komplizierte, gefährliche Operation am offenen Herzen bedeutete. Diese OP verlief erfolgreich und hat ihr Leben um fast 2 Jahrzehnte verlängert.

 

Aus den Erinnerungen eures Großvaters Günther an die Großfamilie Burghauser:

 

Wenn es eine Konstante im Familienleben gab, dann war dies ihr Interesse an der Politik. Es herrschte „Klassenkampf“ Atmosphäre in der Familie. Der Ururgroßvater war ein radikaler Sozialist, verständlich, wenn man faktisch als fast leibeigener Holzknecht in Diensten eines Freiherrn und später bei Wind und Wetter und spärlichstem Einkommen sein Leben gestalten musste. Ihm wurde auch nachgesagt, dass sein Geist gegen Vieles Widerspruch zu erheben stark ausgeprägt war. Sollte dereinst auch bei Euch, Paul und Lotte Cech (den Enkelkindern des Autors dieser Zeilen) diese Eigenschaft auftreten, sie stammt von diesem unbeugsamen Mann. Alle seine Kinder haben auch einen Beruf erlernt, ein Kunststück in dieser Zeit. Den 2.Weltkrieg haben sie entweder als Soldaten oder Helferinnen bei der „Flak“ (Fliegerabwehrkanonen) überstanden, wenn auch für den Preis langer Kriegsgefangenschaften in Frankreich (Gustl) und eures Urgroßvaters Vestl (Kanada). Eine gefürchtete russische Kriegsgefangenschaft blieb ihnen aber erspart.

Teilweise dramatisch verliefen die Nachkriegsjahre. Nicht nur euer Urgroßvater erlitt einen schweren Arbeitsunfall. Sein Bruder Hermann war diesbezüglich ein „Meister“ seines Fachs. Drei furchtbar schwere Arbeitsunfälle prägten sein Leben. Er war „Bauzimmerer“ und als solcher auf schwierigen Baustellen wie Brücken etc. im Einsatz. Nach einem dieser Unfälle lag der Gott sei Dank körperlich und geistig extrem robuste Mann mehrere Wochen im Koma. Es hat ihm nicht seinen Humor genommen. Launig erzählte er uns bald nach dem Aufwachen von den Grabreden über ihn, die er im Koma vernommen hatte. Sie regten ihn mental an dem „Totengräber ganz schnell von der Schaufel“ zu springen. Von einem anderen Unfall mit seinem geliebten gelben Puch Motorrad auf dem Weg zur Arbeit wurde berichtet, dass er lebensgefährlich verletzt, aber mit unendlichem Überlebenswillen, das eigene in seinen Stiefel gelaufene Blut getrunken hat und so den tödlichen Blutverlust verhindern wollte. Nicht unbemerkt und vor allem nicht ohne Folgen blieben seine amourösen Abenteuer auf seinen Arbeitseinsätzen fernab seiner Frau und seiner Tochter Elfie. Das war schon ein bemerkenswerter, humorvoller, starker Mann, den ich sehr mochte. Er hat mich auch noch bei meinem letzten Besuch an seinem Krankenbett zum Lachen gebracht, als er schon unheilbar im Sterben lag, Unvergessen bleibt auch seine fachmännische Hilfe beim Hausbau in Maria Trost und ein Spielzeug Geschenk an mich, ein Holzgewehr (!). Ebenso lustig wie listig war Gustl. Er erlernte die Schrifthauerei, verdingte sich allerdings längere Zeit als fahrender „Vertreter“ von diversen Lebensmittelprodukten und später von Versicherungen seinen Lebensunterhalt. Dieser fröhliche Mann brachte mich oft mit seinen Geschichten zum Lachen wie er „den Fuß in die Türe stellte“ um Geschäfte abzuschließen. In ihm war eine der charakteristischen Eigenschaften der Familie sehr ausgeprägt. Eigenständigkeit! Beweis gefällig? Als in den frühen 60 er Jahren sein altes Auto unterwegs an der Hinterachse defekt wurde, hat er diese abseits der Straße selbst ausgebaut, zur Reparatur gebracht und anschließend wieder selbst eingebaut.Der Zeitaufwand für diese Aktion betrug schlichte 2 Tage. Dass dabei auch noch ein Baum gefällt werden musste um das Fahrzeug anheben zu können, unterstreicht diese Eigenschaft und seine Harnäckigkeit. Im Alter strich er rastlos durch Graz, immer im Anzug und eine Aktentasche in der Hand und betreute gelegentlich ärmere Menschen. Er blieb unverheiratet. So wie sein Bruder Peter, der als Geldbriefträger der Post im LKH Graz über das Einkommen der Primare genau Bescheid wusste, sich darüber immer dezent ausgeschwiegen hat. Vielleicht waren es auch diese Beziehungen, die ihm einen frühen Pensionsantritt bescherten. Ihm wurde schwerstes Asthma diagnostiziert mit einer Lebenserwartung von 6 Monaten. Er wusste sich aber zu helfen, verbrachte die Wintermonate fortan in Tunesien und überlebte die erschütternde Diagnose von damals um satte 40 Jahre. In Erinnerung bleibt er mir als ein sehr feinfühliger, immer sehr gepflegter Mensch, der allerdings von der Familie immer etwas Abstand hielt. Den hatte auch Bruder Karl, allerdings nur örtlich betrachtet. Er lebte in Kärnten als Bahnbediensteter und zeugte viele Kinder, deren Nachfahren heute in Oberkärnten leben (Möllbrücke, Landmaschinenhandel Burghauser). Sein Sohn Alfred wanderte schon früh nach Schweden nach Göteborg aus. Karl war auch Vater einer unehelichen Tochter namens Frieda verheiratete Rohrweck. Mit ihrem Mann Franz und Frieda verbindet euren Großvater eine lange und ganz tiefe Freundschaft. Sie entstand in der Mitte der 60er Jahre, als die Beiden in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer weiteren Schwester (Liesl, verh Wöhry ) eures Urgroßvaters in einer Bergarbeitersiedlung am „Mandlboden“ in Hieflau lebten. Dort habe ich viele Sommerferien verbracht. Es war eine glückliche Zeit. Es gab sehr viele Kinder in den vier großen „Baracken“ und wir blieben tagsüber völlig unbeaufsichtigt. In aufgeblasenen Schläuchen von Lastwagenreifen den eiskalten Erzbach zu bezwingen gehörte fast täglich dazu, Besuche auf den umliegenden Almen, auch Übernachtungen zusammen mit Rudi (Huber), einem Freund aus der Siedlung im Frühjahr in der meterhoch zugeschneiten und unbewohnten Hütte auf dem Scheichegg am Fuße des Lugauers (sterisches Matterhorn) mit dem Zustieg über ein kleines Fenster im Dachgeschoß ebenso. Das Knacken der Holzhütte in der Nacht, erzeugt durch die Wärme nach dem Einheizen des Ofens in der völlig dunklen Stube war allerdings beängstigend und unheimlich. Nicht immer waren diese Unternehmungen erfolgreich. Ein beabsichtigter Besuch auf dieser Hütte scheiterte. Trotz Vorwarnungen von meiner Tante Liesl und Onkel Viktor wegen der schlechten Wetterlage und dem vielen Schnee zogen Rudi und ich los um wieder einmal dort zu übernachten. Das Verirren im Nebel und tiefen Schnee war die logische Konsequenz.Wir erreichten erst weit nach Mitternacht völlig durchfroren das Tal, wo ich mich in eine Regenpfütze legte um mich etwas aufzuwärmen!! Tante Liesl und Onkel Viktor waren aber von unserem Abenteuer nur mäßig beeindruckt, wir aber ziemlich beschämt über unser Versagen. Das war aber bei der guten Küche meiner Tante, einer gelernten Köchin mit Berufserfahrungen auch aus dem Ausland (London?) schnell vergessen. Onkel Viktor war ein schweigsamer Mann und Bergmann („Steiger“) auf dem Erzberg in Eisenerz. Täglich zog eine kleine Kolonne dieser wettergegerbten Männer mit ihren Rucksäcken von Mandlboden entlang des Erzbaches zur Bahnstation in Münichthal, wo sie ein Dampfzug nach Eisenerz zur Arbeit auf dem Berg und wieder zurück brachte. Klingt romantisch, war es aber nicht. Es sind Menschen an den harten Lebensbedingungen in dieser bergigen Region auch zerbrochen. Vor den Zug oder in die Enns „gegangen“ hieß es dann achselzuckend, wenn der Selbstmord eines Menschen erörtert wurde. Eine Möglichkeit einem drögen „Blues“ zu entgehen, war das „Hech gehen“ (auf den Berg, die Höhe gehen) um einen weiteren Blick in diese Welt zu haben als in den engen Tälern dieser Gegend. Und so habe ich schon in jungen Jahren alle Berge des Gesäuses und die Berge in dessen Umgebung bestiegen. Oft in Begleitung von Freund Rudi, bei schwereren Touren war aber Cousin Hermann, der Sohn von Liesl und Viktor dabei. Später im Leben habe ich einige dieser Touren mit eurer Großmutter Traude wiederholt. Hermann war nicht das einzige Kind von Liesl und Viktor. Tochter Anneliese war etwas älter als Hermann, zog aber schon mit 16 Jahren von zu Hause aus. Nicht näher bekannte Zwistigkeiten mit den Eltern dürften der Grund gewesen sein. Ihr Weg führte Sie nach Paris, wo Sie als Zimmermädchen in einem Luxushotel an der Champs Elysee arbeitete. Ihr verdanke ich das erste T-Shirt meines Lebens, welches Sie mir aus Paris bei einem Heimatbesuch mitbrachte. Solche Leiberln waren damals in Österreich noch unbekannt, wir trugen Hemden, was die traditionelle Oberbekleidung damals darstellte. Was war ich stolz auf dieses Shirt! Im Zuge ihres Paris Aufenthalts lernte Sie ihren späteren, um sehr viel jüngeren Mann Patrick Frank kennenlernen. Die Verbindung war dauerhaft und Patrick arbeitete nach Abschluss seines Studiums als Zahnarzt in Caen, Nordfrankreich. Beide erfüllten sich den Traum von einem eigenen Chateau in Ernes nahe Mezidon-Canon. Die Pläne, diesem renovierungsbedürftigen, schlossartigen Anwesen neuen Glanz zu verleihen, hat der plötzliche Herztod von Patrick zunichte gemacht. Seit diesem tragischen Ereignis müht sich Anneliese in diesem Haus und mit diesem Haus ganz alleine ab. Sie steht vor einer nicht lösbaren Aufgabe. Eure Mutter kennt dieses Chateau von einem Besuch gemeinsam mit uns und ihren Großeltern. Er erfolgte im Zuge einer Fahrt mit einem Wohnmobil durch Frankreich im Jahre.... Später haben Traude und ich noch einige Male Anneliese besucht, Sie war für mich bei diesen Gelegenheiten eine sprudelnde Quelle für jenen Teil der Familiengeschichte, den ich noch nicht selbst bewusst miterlebt habe. Anneliese war sicher die einzige unangepasste, rebellische Frau in dieser Familie. Ganz im Gegensatz zu Liesl und noch 2 weiteren Geschwistern eures Urgroßvaters Vestl. Erna verh. Lorenz blieb nach dem Krieg in Deutschland und heiratete einen begabten Wissenschaftler, der bei Siemens eine beachtliche Karriere durchlaufen hatte bis ihn allzu „esoterische oder antroposophische“ Gedanken ein wenig aus der Bahn geworfen haben dürften. Jedenfalls wurde er von der Firma großzügig vom Dienst bei vollen Bezügen bis zu seinem Pensionsantritt freigestellt. Von Tante Erna ist mir nicht bekannt, dass Sie sich jemals gegen diese Umtriebe gewehrt hätte. Sie wohnten die letzten Lebensjahre in Graz in der Ehlergasse. Eure Mutter hat eine Geige aus deren Besitz vererbt bekommen. Sie wurde später verkauft und mit dem Erlös die Kosten für den Erwerb des Führerscheins von Lisa gedeckt. Sollte also eure Mutter einmal mit dem Auto etwas „vergeigen“, dann könnt ihr das sehr wörtlich nehmen. Ein ähnliches Frauen-Schicksal durchlief auch Hanni. Vielleicht hatte Sie es noch schwerer, da Sie 3 Söhne aufziehen musste und ihr Ehemann wenig verdiente und gerne im Wirtshaus seine Freizeit verbrachte und gelegentlich auch gewalttätig geworden sein soll. Jedenfalls war der „Spundus“ seines jüngsten Sohnes „Peterl“ vor seinem Vater sehr groß. Das hat uns aber bei meinen gelegentlichen kurzen Aufenthalten in Lembach an der Riesstrasse in Ferienzeiten nicht abgehalten den Waffenschrank des Onkels verbotenerweise zu öffnen und mit einem Kleinkalibergewehr im nahen Wald auf die „Jagd“ zu gehen. Cousin Peterl war ein zielsicherer Schütze, heute hätte ich Mitleid mit dem Eichelhäher den er damals vom Baum „geholt“ hatte. In diesem Waffenschrank gab es auch ein Luftdruckgewehr, mit welchem wir uns oft am Tag vergnügt haben. „Räuber und Gendarm (Polizist)“ hiess das „Spiel“, in welchem einer den bösen flüchtenden Räuber spielte und der andere den mit Waffe ausgestatteten Gendarmen. Anstelle einer echten Luftdruckmunition verwendeten wir aber die Ähre des Blütenstengels des Spitzwegerich. Aber auch die brennt höllisch am Körper, wenn sie uns vom Luftdruckgewehr abgefeuert getroffen hat. In der heutigen Zeit wären solche Spielchen undenkbar, schon bei der ersten Sichtung eines 10-jährigen mit einem Gewehr würde man ein Sondereinsatzkommando der Polizei rufen und ein Kriseninterventionsteam für die Dorfbewohner entsenden. Damals war so etwas zwar auch nicht aller Orten üblich, aber nicht so ungewöhnlich, gab es doch hin und wieder kleine Waffen und Munitionsfunde in den Wäldern, in denen wir spielten. Auch weggeworfene Ausrüstungsgegenstände wie Gasmasken oder Tornister aus dem 2.Weltkrieg fanden sich gelegentlich. Ihr werdet mich sicher um die grenzenlos scheinenden Freiheiten in meiner Jugendzeit beneiden. Aber davon werde ich Euch an einer anderen Stelle in dieser Chronik berichten. Vielleicht habt ihr jetzt aber einen Eindruck vom „Arbeiter-Milieu“ in dem ich aufgewachsen bin, dem Umfeld in dem ich meine jugendlichen, aber prägenden Erfahrungen machen durfte und auch musste. Nie war ich näher am Leben als in dieser Zeit in der nicht nur meine Familie sondern auch viele unserer Freunde und Bekannten einen harten Kampf um eine würdevolle Existenz geführt haben

Ich möchte an den Geburts- und Todestag von Silvester Burghauser erinnert werden.